Die vierte Gewalt
Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird – auch wenn sie keine ist von Richard David Precht, Harald Welzer
Ein Philosoph und ein Soziologe werfen den deutschen Leitmedien vor, sich selbst anzugleichen, Politik vor sich herzutreiben und so eine Mehrheitsmeinung vorzuführen, die es in der Bevölkerung gar nicht gibt.
- 288 Seiten
- Anspruch: mittel
Affiliate-Links. In Deutschland gilt die Buchpreisbindung – ein neues Buch kostet überall gleich viel, auch in deiner Buchhandlung vor Ort (ISBN 9783442142927).
Leser, die die Debatte um Medienvertrauen, Ukraine-Berichterstattung und Meinungsfreiheit aus erster Hand kennenlernen wollen; Precht- und Welzer-Publikum; Journalisten und Studenten der Medienwissenschaft, die sich an der Streitschrift reiben wollen.
Zugespitzte Streitschrift im Wir der beiden Autoren, viele Umfragezahlen mit Fußnoten, dazwischen polemische Formeln („Kultur der Assholery“, „amtierende Medien“). Die Einleitung der Taschenbuchausgabe antwortet ausführlich und scharf auf die Kritik an der Erstausgabe. Gut lesbar, aber durchgehend meinungsstark.
Kurzprofil
- Ähnliche Bücher: „Von der Pflicht“ (Precht, 2021) – ebenfalls ein Eingriff in eine laufende Krisendebatte; „Das Jahrhundert der Toleranz“ (Precht, 2024) – führt die Kritik an der Ukraine- und Außenpolitik-Debatte weiter; „Die Konsensfabrik“ (Edward S. Herman, Noam Chomsky) – der Klassiker der Medienkritik zu der Frage, wie Konsens in Massenmedien entsteht, mit ganz anderem, ökonomischem Ansatz.
- Wissenswert: Das Buch eröffnet mit einer Allensbach-Umfrage vom Juni 2021: 44 Prozent meinten, man könne seine Meinung nicht frei äußern – der höchste Wert seit 1953 (Leseprobe, 2026-10-28). Die Autoren selbst zählen in der Taschenbuchausgabe über 200 Medienreaktionen auf die Erstausgabe, davon nur rund fünf Prozent positiv (eigene Angabe der Autoren).
Worum es geht
- Ausgangspunkt ist das sinkende Vertrauen in Presse, Radio und Fernsehen, belegt mit Umfragen von Allensbach, Forsa, Infratest dimap und einer Bielefelder Jugendstudie.
- Hypothese der Autoren: Seit Migrationskrise, Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg wollten Leitmedien Politik nicht mehr nur kontrollieren, sondern zu Entscheidungen treiben; der Stil der sozialen Medien sei in die Qualitätspresse eingewandert.
- Wichtig ist ihnen die Abgrenzung: keine staatliche Lenkung wie in autoritären Ländern, sondern eine Selbstangleichung der Redaktionen, die gerade deshalb Misstrauen und Manipulationsverdacht nähre.
- Weitere Kapitel (laut Verlag) fragen, wie es dazu kam und wie Journalismus sein Selbstverständnis zurückgewinnen kann; das erste Hauptkapitel „Der Krieg“ setzt bei der Debatte um den offenen Brief in der „Emma“ 2022 an.
Auszeichnungen & Listen
- „#1-SPIEGEL-Bestseller“ laut Verlag (Penguin-Verlagstext, 2026-10-28; Listenplatz und Datum nicht selbst geprüft)
Reihe & Ausgaben
- Erstes gemeinsames Buch der beiden Autoren, zuerst 2022 bei S. Fischer gebunden; seit 2024 bei Goldmann als aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe mit neuen Befunden zur Berichterstattung und zur Rezeption der Erstausgabe.
- Hörbuch: der Hörverlag, 26.09.2022, gelesen von Richard David Precht und Harald Welzer, 425 Minuten, ungekürzt, 21,95 € (bic-media, 2026-10-28; Fassung der Erstausgabe).
Stimmen aus Rezensionen
- Süddeutsche Zeitung, Cornelius Pollmer (24.09.2022, laut Perlentaucher perlentaucher.de): Die beschriebenen Tendenzen – Unterhaltung statt Information, sinkendes Vertrauen, polarisierter Politikjournalismus – seien nicht falsch; aber nichts davon sei neu, und dass ausgerechnet zwei Medienprofiteure die Kritik vortragen, sei pikant.
- Frankfurter Rundschau, Martin Benninghoff (26.09.2022, laut Perlentaucher, ebd.): hin- und hergerissen – nicht neu, populistisch, aber lesenswert und bedenkenswert; ernstzunehmende Argumente litten unter unseriöser Zuspitzung.
- Der Freitag, Malte Herwig (06.10.2022, freitag.de): Als Stilkritik an der Empörungskultur „gar nicht mal so falsch“, der Vorwurf des Kampagnenjournalismus bedenkenswert; dann aber schössen die Autoren mit Kampfbegriffen über das Ziel hinaus und widersprächen sich in ihren Thesen.




