Lenin kam nur bis Lüdenscheid
Meine kleine deutsche Revolution von Richard David Precht
Precht erzählt, wie er als Sohn kommunistischer Eltern im Solingen der Siebziger aufwuchs – mit DKP-Zeltlager, Kinderliedern von der Solidarität und den USA als Feindbild.
- 352 Seiten
- Tempo: gemächlich
- Anspruch: mittel
Affiliate-Links. In Deutschland gilt die Buchpreisbindung – ein neues Buch kostet überall gleich viel, auch in deiner Buchhandlung vor Ort (ISBN 9783442158720).
Leser von Kindheitserinnerungen und Zeitgeschichte der alten Bundesrepublik, Jahrgänge der Sechziger, die das linke Milieu selbst kennen, und Precht-Leser, die wissen wollen, woher sein Denken kommt.
Ich-Erzähler mit zwei Ebenen: Gegenwartsszenen im Präsens beim Besuch der Mutter in der Schweiz, dazu die Kindheit im Präteritum. Viel zeitgeschichtliches Material (Nachrichten des Geburtsjahres, Familiengeschichte bis in die NS-Zeit), ruhig und erinnernd erzählt, gelegentlich ironisch. Elf Kapitel plus Nachwort.
Kurzprofil
- Ähnliche Bücher: „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ (Thomas Brussig) – Aufwachsen in der DDR direkt an der Mauer, gewissermaßen die Gegenseite, ebenfalls aus der Sicht eines Jugendlichen; „Generation Golf“ (Florian Illies, 2000) – die FAZ nennt Prechts Buch das „revolutionäre Gegenstück“ dazu; „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ (Precht) – sein bekanntestes Buch, mit ähnlich erzählendem Zugang.
- Wissenswert: Coca-Cola, Ketchup, „Flipper“ und „Raumschiff Enterprise“ waren im Hause Precht verpönt (Verlag, 2026-10-28). Precht schrieb selbst das Drehbuch zum gleichnamigen Dokumentarfilm von André Schäfer (Kinostart 5.6.2008 laut Filmstarts).
Worum es geht
- Auftakt: Pfingstlager der DKP-nahen Naturfreunde in Lüdenscheid 1974 – rote Fahnen, Lagerfeuer, die Lieder von Fredrik und Christiane Vahle, ein Kindertheater aus Berlin. Daneben die Gegenwart: Der erwachsene Erzähler blättert mit seiner Mutter in deren Haus bei Bern Fotoalben durch und fragt, was an der Erinnerung wahr ist.
- Kapitel „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“: Geburt in Solingen am 8.12.1964, eingebettet in die Weltnachrichten des Jahres (Vietnam, Tonkin-Resolution), dann die Herkunft der Eltern – die Mutter mit unruhiger Nachkriegsjugend, der Vater als junger Designer im Umfeld einer Hannoveraner Künstlergalerie, die Heirat und erste Berufsjahre bei Telefunken.
- Laut Verlag folgen Feindbild USA, GRIPS-Theater, Degenhardt- und Süverküp-Lieder und das Erwachsenwerden bis in die Achtziger (Kapitel „Baader und Blochin“, „Ein bisschen Frieden“).
Auszeichnungen & Listen
- Verfilmt: „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“, Dokumentarfilm 2008, Regie André Schäfer, Drehbuch Richard David Precht (Filmstarts, 2026-10-28)
Reihe & Ausgaben
- Einzelband. Erstausgabe Claassen 2005, seit 2015 bei Goldmann als Taschenbuch und E-Book; die Leseprobe nennt „4. Auflage, Neuausgabe im Taschenbuch Mai 2025“.
Stimmen aus Rezensionen
- Die Zeit, Joseph von Westphalen (29.12.2005, nach Perlentaucher): lobt den „intimen Einblick“ ins „mattrote“ linke Milieu, die Lässigkeit und den Kunstgriff der Kinderperspektive; wo der zeitgeschichtliche Rahmen weiter wird, entstehe eine aufschlussreiche „West-Wendegeschichte“.
- FAZ, Sandra Pott (9.1.2006, nach Perlentaucher): informativ und detailreich über kommunistische Traditionen in der Provinz, durchaus unterhaltsam; stilistisch und analytisch aber schwächer als „Generation Golf“, „weniger pointiert“, ohne Biss und Witz.
Inhaltshinweise
- Die Leseprobe berührt NS-Zeit und Holocaust (Familiengeschichte), eine Fehlgeburt in der Familie und eine Behinderung der Schwester (2026-10-28).



